Gunnar J. Koppermann

WIE ICH IN DEN BESITZ DER OTEPÄÄ-MARKEN KAM

(Eesti Filatelist #30, 1984)

Erstmalig in der "Deutschen Zeitung für Briefmarkenkunde", Bad Ems, Nr. 10, 1962 erschienen.
Wird mit Erlaubnis der Verfassers und der DBZ hier veröffentlicht.

Die Hauptstadt Estlands, Reval wurde am 29. August 1941 von den deutschen Truppen im Kampf gegen die SowjetUnion erobert. Der Süden Estlands war bereits 6 Wochen vorher besetzt worden. Während dieser Zeit kam es dort in verschiedenen Orten zu spontanen Überdruckmarken-Ausgaben, wie Elva, Möisaküla und Pernau, aber auch zu einer Sonderausgabe in Odenpäh, auf estnisch Otepää.

Obwohl gleich nach Beendigung der Feindseligkeiten für Zivil keine Reiseverbindungen vorhanden waren, verbreitete sich die Nachricht über Ausgabe dieser Odenpäh-Marken wie ein Lauffeuer durch das ganze Land. Insbesondere waren die Briefmarkensammler über die Ausgabe dieser Sondermarken aufgeregt und alle wollten in den Besitz dieser Marken gelangen, aber wie...?

Allen Estland-Sammlern war damals der Name Eichenthal und seine im Jahre 1896 gegründete Briefmarkenhandlung in Reval, Königstraße 6 bekannt. Glücklicherweise war Herr Eichenthal, obwohl inzwischen sein Laden von der Sowjetregierung verstaatlicht, vom Kriege verschont geblieben. Daher wurde er wieder wie zu Friedenszeiten zum Treffpunkt aller in Reval lebenden oder weilenden Briefmarkensammler.

Eines schönen Tages - Mitte September 1941 - befand ich mich gerade bei Herrn Eichenthal im Laden, als ein Herr eintrat und kurz entschlossen sich an Herrn Eichenthal wandte um ihm Odenpäh-Marken zum Verkauf anzubieten. Damals bekam ich zum ersten Mal die so seltenen Odenpäh-Marken zu sehen. Der Herr verlangte RM 20,- pro Stück und sagte, er habe 20 Verschiedene. Herr Eichenthal war in seinem früheren Laden nur als Treuhänder eingesetzt, denn das Geschäft war noch verstaatlicht. Herr Eichenthal konnte die Marken nicht kaufen. Obwohl ich damals kein Geld besaß, folgte ich dem Herrn auf die Straße, wo ich ihn ansprach. Er stellte sich als Herr Konks vor und sagte, daß die Odenpäh-Marken in seiner verstaatlichten Druckerei gedruckt worden seien, Auf meine Andeutung, daß ich an den Marken interessiert sei, aber nicht das Geld habe, schlug Herr Konks mir ein Tauschgeschäft vor.

Als Druckereibesitzer hatte er irgendwie herausgefunden, daß am Meeresstrand in einem Kiefernwalde in der Nähe von Reval eine Druckmaschine unter Wind und Regen stand und scheinbar von den fliehenden Russen dagelassen war, Jetzt aber sei sie bereits von dem in Reval stationierten Nachrichtenkommando der Wehrmacht beschlagnahmt. Ich solle ihm zu der Druckmaschine verhelfen als Gegenleistung bekäme ich dann die verschiedenen Odenpäh-Marken.

Was hatte ich zu verlieren, ich versprach Herrn Konks, Schritte zu unternehmen, um die Druckmaschine freizubekommen. Wir verabredeten ein Treffen am nächsten Tag. Ich wußte, daß im Nachrichtenkommando ein früherer Revaler, der als Volksdeutscher im Jahre 1939 umgesiedelt wurde, eingesetzt war. Da ich ihn kannte, sprach, ich bei ihm vor, und erklärte, daß im Walde unter freiem Himmel eine von den Russen bei der Flucht liegengelassene Felddruckmaschine dem Wetter preisgegeben sei Nun werde diese Maschine aber fur notwendige Druckarbeiten in einer Druckerei benötigt. Ohne große Schwierigkeiten bekam ich den erforderlichen Schein, daß die Maschine zur Inbetriebnahme für die Druckerei in Odenpäh freigestellt werde. Am nächsten Tage zur verabredeten Zeit trafen wir uns, Herr Konks bekam den Schein und ich folgende Odenpähmarken:

2 Stück Michel 1 A postfrisch
11 Stück Michel 1 A ohne Blaudruck
1 Stück Michel 1 B postfrisch
3 Stück Michel 2 II B gestempelt
2 Stück Michel 2 II B posftrisch
1 Stück Michel 2 II A postfrisch

So kam ich damals - im September 1941 - in den Besitz der Odenpähmarken. Natürlich wußte damals niemand wie gefragt diese Marken nach Jahren auch von Deutschland-Sammlern sein würden.