3. DIE ERSTEN POST - UND TELEGRAFENSTELLEN AUF HIIUMAA

3. 1. Die Hauptstadt von Hiiumaa - Kärdla

Die erste schriftliche Erwähnung von Kärdla stammt aus dem Jahre 1470, als der Ordenmeister Johann Wolthaus von Herse sowohl den dortigen als auch im Dorf Reigi ansässigen schwedischen Bewohnern den Freibrief gab. Von der Fronarbeit befreit, mußten die Bewohner dieser Dörfer für das Privileg dem Ordensvogt von Maasi jährlich 20 Reichstaler zahlen. Aus dem Dorf der Schweden machte der Gutsherr von Partsi, Konstantin v. Ungern-Sternberg, das Gut Kertelhof Mehr als 300 Einwohner von Kärdla siedelten auf die Insel Vormsi um, nach Noarootsi und anderswohin. Nur für fünft Höfe wurden Pachtverträge auf 20 Jahre geschlossen.

Auf dem Gut begann man mit der Aufzucht von Mastochsen und Merinoschafen. 1829 hatte Konstantin v. Ungern-Sternberg in Suuremõisa und auf Gut Partsi mit Tuchherstellung begonnen, und da sich das Unternehmen als profitabel erwies, gründete er zusammen mit seinem Bruder Eduard in Kärdla eine neue Fabrik. Die Arbeiter rekrutierten sich sowohl von der Insel als auch vom Festland (die Meister allerdings aus dem Ausland). Nach einem Jahr arbeiteten in der Fabrik schon über 200 Menschen. In den folgenden Jahren wuchs die Fabrik, es kamen Webstühle hinzu und natürlich auch Arbeitskräfte, deren Anzahl erreichte im Jahre 1845 schon 456. Das Fabrikgebäude brannte 1870 nieder, aber schon 1873 stand das neue vierstöckige Gebäude. Ausgestattet mit damals fortschrittlicher Einrichtung, erholte sich das Unternehmen schnell. Ständig vergrößerte sich die Belegschaft (1879:510, 1890:690) und damit wuchs auch die Einwohnerzahl von Kärdla bis die 2000. Das war eine ansehnliche Siedlung für estländische Verhältnisse, geschweige denn für Hiiumaa. Selbstverständlich brauchte ein Unternehmen dieser Größe entsprechende nachrichtentechnische Möglichkeiten, und es begann nachhaltig die Nachrichtenentwicklung auf Hiiumaa zu forcieren.

3.2. Die Telegrafenstation von Kärdla

In Haapsalu begann die Telegrafenstation ihre Arbeit zu Beginn der Sommerfrische im Jahre 1859, das waren nur zwei Jahre später als in Tallinn. 1873 begann der Grenzschutz damit, Möglichkeiten für den Bau von Telegrafenlinien zu den größeren estnischen Inseln zu finden. Anfangs sollte die Linie von Haapsalu über Vormsi, Kärdla und Emmaste nach Kuressaare (Arensburg) führen, wobei einzelne Stationen in Kärdla und Kuressaare vorgesehen waren. Tatsächlich wurde 1875 aber mit dem Bau von Pärnu nach Kuressaare begonnen, von wo die Linie nach Kärdla weiterführen sollte. Der Abschnitt Pärnu-Kuressaare wurde noch im selben Jahr fertig und der Telegraf in Kuressaare begann mit der Arbeit. Am 18. August 1878 schrieb die Zeitung "Perno Postimees": "Zwischen Hiiumaa und Saaremaa ist ein Telegrafendraht, 7 1/2 Werst (ca. 8 km) lang, auf dem Meeresgrund gelegt und soll 134 250 Rubel kosten." Fertig gestellt war auch die Telegrafenlinie über die Meerenge von Soela nach Kärdla, und am 13. August 1878 begann die dortige Telegrafenstation zu arbeiten.

Kärdla (und die dortige Telegrafenstation) kannte man während der russischen Zeit unter dem Namen Kertel. Die Telegrafenstation von Kärdla benutzte einen Tagesstempel; der bis heute einzige Abdruck ist vom 2. November 1879.

3.3. Die Post - und Telegrafenabteilung von Kärdla

Mit der landesweiten Postreform von 1884 in Rußland wurden die Post- und Telegrafendienststellen zusammengelegt. Neue Post-Telegrafen-Dienststellen sollten nur dort eingerichtet werden, wo die örtlichen Benutzer dem Staat die Rentabilität innerhalb von drei Jahren belegten. Unter diesen Voraussetzungen begann man in Kärdla die Umwandlung der bisherigen Telegrafenstation in eine Post-Telegrafenabteilung zu betreiben. Sicherlich war die Tuchfabrik der bedeutendste Initiator dieses Vorhabens. Am 3. Juni 1889 stand in der Zeitung "Sakala" und am 13. Juni in "Saarlane" die Meldung: "Im Dorf Kertel auf Hiiumaa ist eine neue Telegrafen- und Poststation eingerichtet. "Zum Leiter der am 1. Juni eröffneten Post-Telegrafen-abteilung wurde der bisherige Leiter der Telegrafenstation Karl Gilbert und zu seinem Gehilfen der Beamte Klementjev aus Rakvere ernannt. Außerdem gehörten zum Personal noch ein Postillon und Hauswart. Der Postaustausch mit Haapsalu fand dreimal in der Woche statt, natürlich nur zu Zeiten, wenn die Meerenge passierbar war. Ein Jahr später, 1890, wurde bei der Post-Telegrafen-abteilung auch eine Sparkasse eröffnet.

Karl Gilbert arbeitete als Leiter bis ins hohe Alter. Nächster Leiter wurde Nikolai Andrejev, der aber am 2 1. September 1905 nach Haapsalu ging. An seine Stelle kam am 16. November Sergel Kleopin aus Kuressaare. Der arrogante und Untergebenden gegenüber überhebliche Mann hatte nach Beurteilung von Mitarbeitern eine verhängnisvolle Schwäche: Er und Geld gesellten sich nicht. Die Folge war seine Entlassung im Jahre 1908 und eine Anklage wegen Veruntreuung. Danach arbeitete weniger als ein Jahr der Lette Pensis als Leiter. Ihn löste bis 1912 Poljakov ab, der aus Sillamäe kam. Dann erst übernahm ein Este, Rudolf Gustel, diese Stelle. In den letzten Jahren der russischen Verwaltung konnte noch Gustav Norvit die Abteilung leiten. Von der Post-Telegrafenabteilung Kärdla sind fünf verschiedene Tagesstempel bekannt.

3.4. Die Post-Telegrafenabteilung von Käina

Am 15.April 1902 wurde mit Postdiensten zuerst bei der Gemeindeverwaltung in Käina begonnen. Damals wurde der Ort Keinis genannt und so hieß denn auch die Poststelle. Der Antrag zur Einrichtung einer Post-Telegrafenabteilung wurde Anfang 1903 bewilligt und mit der Durchführung Woldemar Silin beauftragt. Unter seiner Leitung wurde die Post-Telegrafenabteilung am 23. Oktober 1903 eröffnet. Sein Nachfolger Karl Eilau übernahm das Amt am 1.Dezember 1911. Julian Trull, der am 26.April 1915 die Stelle antrat, wurde schon am 1 1.Februar 1916 von Aleksei Lempuu als vorläufigem Leiter abgelöst und ging nach Orissaare, um seinen Arbeitsplatz mit dem dortigen Leiter Mihkel Lauri zu tauschen. Dieser übernahm Käina am 24.Februar 1916.

Die Post-Telegrafen-abteilung war im Hause von Hugo Holberg untergebracht, das später der Wirtschaftsvereinigung von Käina gehörte. Anfangs benutzte die Post einen Amtsraum und die Wohnung des Amtsleiters an einem Ende des Erdgeschosses, die Wohnungen des Postboten und des Hausmeisters waren ein Stockwerk höher. Während der Amtszeit von Eilau ging das ganze Haus an die Post üben So vergrößerte sich die Wohnung des Amtsleiters und am anderen Ende des Erdgeschosses war noch Platz für den Amtsraum und die Wohnung eines Beamten.

Ob während der Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung auch ein Tagesstempel benutzt wurde, ist unbekannt. Da der Ort aber klein ist und daher auch die mögliche Anzahl der Stempelabdrucke gering wäre, kann die Benutzung eines Stempels nicht ausgeschlossen werden. In der Post-Telegrafenabteilung von Käina wurden vier verschiedene Tagesstempel benutzt.

3.5. Noch vom Posttransport zu Lande und zu Wasser

Die Post-Telegrafenabteilung von Kärdla machte die Postdienste auf Hiiumaa allen erreichbar. Die Postkommissionäre wurden entbehrlich und die Geschäfte mit der Post konnten ohne Seereisen erledigt werden. Zu den Aufgaben der Abteilung in Kärdla gehörte jetzt auch die Durchführung der Posttransporte über die See. Ebenfalls zum Personal der Abteilung in Kärdla gehörten die transportbegleitenden Postboten. Diese Ordnung änderte sich auch nicht durch das entstehen neuer Abteilungen. Der Postaustausch mit dem Festland geschah weiterhin durch die Post-Telegrafenabteilung von Kärdla. Zu der Zeit, als nur in Kärdla eine Postanstalt war, wurde dort auch die meiste nach Hiiumaa gekommene Post für die Gemeinden und Güter sortiert. Nur für den Pastor von Pühalepa lag in Haapsalu ein kleiner Postsack bereit, den der Kutscher des Pastors jedes Mal im Krug von Pühalepa abholte. Für dieses Entgegenkommen soll der Pastor dem Postkontor jedes Jahr zehn Rubel Schmiergeld gezahlt haben. So bekam auf Hiiumaa der Pastor von Pühalepa seine Post zuerst, und das war ihm offensichtlich die Sache wert. In den kleinen Postsack wurde auch die Post für Leute in der näheren Umbeugung gesteckt.

Nach der Eröffnung der Post-Telegrafenabteilung in Käina änderte sich nur, daß der dorthin gerichtete und von dort kommende Postsack mit dem Postfahrer von Käina in Heltermaa ausgetauscht wurden. Nach Käina ging auch die für (während des Krieges eröffnete) Emmaste und Lello/Tamarino bestimmte Post, und zusammen mit der Post von Kärdla wurde auch die für Kõrgessaare gerichtete Post befördert. Nach mehr als dreißigjährigem Einsatz von "Progress" wurde einige Jahre vor der Jahrhundertwende ein neues Schiff gekauft, das wieder den Namen "Progress" erhielt. Das Kapitänsamt übernahm aber schon gelernter Mann, der Absolvent der Seefahrtschule von Kuressaare, Gustav Oengo.

1910 wurde ein größeres Schiff gekauft: "Grenen", auf dem Oengo wiederum Kapitän wurde. Da sich dieses Schiff als zu groß für die Fahrten zwischen Hiiumaa und dem Festland erwies, wurde 1913 ein kleineres Schiff angeschafft, die "Hiiumaa". Dieses Schiff unter dem Kommando von Kapitän Mihkel Vesmes befuhr die Strecke bis zum Schluß der russischen Zeit und auch noch während der deutschen Besetzung. Die Postfahrer, mit deren Hilfe die Post die zahlreichen Güter und Dörfer auf Hiiumaa erreichte, tauschten ihre Post jetzt im nächsten Postamt aus. Am 28. Juni 1908 entstand in Nurste der Verbraucherverein "Edu", der neben seiner Handelstätigkeit auch der Postentwicklung einen Anstoß gab. Entsprechend einem Abkommen mit der Post-Telegrafen-abteilung in Käina verkaufte der Verein in seinem Laden Briefmarken und organisierte auch die Postbeförderung.

4. HIIUMAA VOR UND WÄHREND DES ERSTEN WELTKRIEGES

4. 1. Die Entwicklung von Hiiumaa zur militärisch wichtigen Verteidigungsstellung

Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges gelangte man in den Führungskreisen Rußlands zu der Ansicht, daß die Festungsanlagen von Kronstadt und in näherer Umgebung zum Schutze der Hauptstadt nicht ausreichten. Es wurde mit dem Ausbau der mächtigen Schutzlinie Tallinn-Porkkala begonnen. Bald fand man, daß auch das nicht ausreicht und zog die estnischen Inseln im Westen und die finnische Halbinsel Hanko in die Verteidigungslinie mit ein. So wurde Hiiumaa zu einem Glied im Verteidigungssystem des Imperiums. Auf der Insel wurde mit dem Bau von Verteidigungsanlagen begonnen und vergrößerte die Garnison. Ohne mich in militärischstrategische Einzelheiten zu vertiefen, zähle ich folgende auf Hiiumaa befindliche militärische Objekte auf: Batterie Nr. 34 in Sõru (vier 120-mm-Geschütze), Batterie Nr. 38 in Lehma (vier 6-Zoll-Geschütze), Batterie Nr. 39 (vier 12-Zoll-Geschütze) mit Flugabwehrbatterie Nr. 39a (drei 57-mm-Flugabwehrkanonen) in Tahkuna, Batterie Nr. 47 (vier 6-Zoll-Geschütze) in Hirmuste, der nicht vollendete Marinehafen für Torpedoboote in Orjaku.

Für die Post bedeutete diese Entwicklung vor allem einen bedeutenden Zuwachs ihrer Kunden, stammten doch die jetzt auf der Insel ihren Dienst verrichtenden Soldaten aus den Verschiedensten Winkeln des großen Russischen Reiches, und die Post half ihnen, mit der Heimat verbunden zu bleiben. Nach Angaben von E. Selli arbeiteten auf Hiiumaa schon seit 1890 Telefonhilfsstellen bei den Leuchttürmen von Tahkuna, Kõpu und Ristna (zu der Zeit kannte man sie allerdings unter den Namen Oberer Dagerort und Unterer Dagerort).

Aus der gleichen Quelle ist bekannt, daß vom Leuchtturm in Tahkuna seit dem 1.Oktober 1898 mit dem Leuchtturm von Kõpu und ab 24.Dezember 1899 mit Kärdla eine Telefonverbindung bestand. 1913 wurden Telefonhilfsstellen in Emmaste und Sôru errichtet. Alle diese Telefonhilfsstellen sind auch im Verzeichnis der Russischen Post und Telegrafenämter mit Stand vom 1.November 1915 enthalten. Danach verkaufte die Telefonhilfsstelle in Kõpu nur Briefmarken, die übrigen bearbeiteten außerdem noch einfache Sendungen. Emmaste und Sõru hatten Postaustausch mit der Post-Telegrafen-abteilung in Käina, Tahkuna und Ristna mit der von Kärdla. Leider ist nicht bekannt, ob diese Telefonhilfsstellen auch Tagesstempel benutzten.

Obwohl der erste Angriff im gerade ausgebrochenen Weltkrieg auf estnisches Gebiet schon am 12.August 1914 stattfand, als der deutsche Leichte Kreuzer "Magdeburg" den Leuchtturm von Ristna unter Feuer nahm, machten sich in den ersten Jahren keine unmittelbaren Auswirkungen des Krieges bemerkbar. Doch die Arbeiten an den Verteidigungsanlagen bekamen mehr Schwung und das Militär wurde zahlreicher. Die Mobilmachung führte viele Einwohner von Hiiumaa in den Krieg. Den Postanstalten brachte all dies aber nur mehr Arbeit. Es wuchs der Bedarf an Nachrichtenübermittlung und so wurden die Voraussetzungen zur Errichtung neuer Postanstalten geschaffen. In seiner Untersuchung stellt Riimaste fest, daß nach dem Stand vom 28. September 1916 im westlichen Estland die Kriegszensurstellen sich in Haapsalu, Lihula, Kuressaare und Kärdla befanden.

4.2. Die Posthilfsstelle von Lello und die Postabteilung von Tamarino

Auf Anregung des früheren Postbeamten Michail Wahter beantragte man im Jahre 1914 die Errichtung einer Postanstalt bei der Kirche von Kuriste. Diesem Wunsch wurde entsprochen und am 2.Januar 1915 dort die Posthilfsstelle Lello eröffnet. Der Name leitete sich vom angrenzenden Dorf Lelu ab. Zum Leiter der Posthilfsstelle wurde der Küster und Schulmeister Joosep Padu ernannt.

1916 wurde beschlossen, alle ähnlichen Hilfsstellen zu staatlichen Postanstalten umzugestalten. Im Falle von Lello stellte sich der Name als Hindernis heraus. Man fand, daß Lello zu sehr Lelle ähnelt und dadurch Fehlleitungen verursachen könnte. Am Ort wurde der Name eines anderen nahen Dorfes angeboten - Tatermaa. Zur Überraschung erfuhr man, daß die Postabteilung Tamarino heißen wird. Später stellte sich heraus, daß der Urheber der Namensänderung der seinerzeitige Leiter der Post-Telegrafen-abteilung von Käina, Julian Trull, war, der so den Namen seiner Frau Tamaara verewigte.

Zum Leiter der im Januar 1916 eröffneten Postabteilung wurde Juhan Kallas ernannt; der bisherige Leiter der Posthilfsstelle, Joosep Padu, blieb als Beamter, und sein Bruder Andrei Padu begann als Postbote. Als Hauswart arbeitete Mihkel Saart. Nach einiger Zeit tauschte Juhan Kallas sein Amt mit Vladimir Dimeran aus Kärdla, der bis zum 16.August 1916 das Amt leitete. Nächster Leiter wurde Aleksei Lempuu. Sowohl die Posthilfsstelle Lello als auch die Postabteilung Tamarino hatten einen Tagesstempel.

4.3. Die Postabteilung von Emmaste

Der seit dem 16.November 1916 als Beamter in Emmaste tätige Madis Muul erinnert sich in seinem Brief vom 7.Februar 1937 an M. Rilmaste daran, daß die Postabteilung von Emmaste im Herbst 1915 eröffnet wurde. M. Riimaste schreibt in seiner Untersuchung, daß der Leiter der Postabteilung, der Lette Frits Miltius, sein Amt in 9.April 1916 antrat. E. Selli behauptet auf Grund von Archivunterlagen, daß die Eröffnung der Postabteilung am 9.März 1916 geschah. Von der Eröffnung der Postabteilung in Emmaste berichtet auch das Post-Telegrafen-Journal in der Nr. 18 des amtlichen Teil vom 30.April 1916. Aus Nr. 24 desselben Blattes vom 1 1.Juni 1916 erfahren wir, daß in Emmaste eine Postsparkasse eröffnet wurde.

Die Zeitung "Postimees" nennt in ihrer Nr. 82 vom 13.April 1916 unter den in den letzten Tagen eröffneten Postabteilungen auch Emmaste. Nach Angabe dieser Zeitung wurden in den neu eröffneten Postabteilungen sofort Inlandstelegramme angenommen und auch die Postsparkasse war vom Beginn an dabei. Wie wir sehen, ist der Zeitpunkt der Eröffnung reichlich unklar. Doch scheint offensichtlich der 9.April 1916 das richtige Datum zu sein und in die Angaben von E. Selli hat sich ein Fehler eingeschlichen. Ebenso kann sich auch Madis Muul geirrt haben, als er nach vielen Jahren seine Erinnerungen zu Papier brachte. Anfangs war die Postabteilung im Hause von Peet Kalju untergebracht, doch noch vor dem 16.November 1916 wurde sie in das Haus von Georg Kaups verlegt, wo sie für viele Jahre blieb. Zum Personal gehörten außer des Leiters noch ein Postbote und der Hauswart. Dank dem zahlreichen russischen Militär hatte auch diese Abteilung reichlich zu tun. Der Postaustausch fand mit der Post-Telegrafenabteilung von Käina im Sommer dreimal und im Winter sechsmal statt (dreimal leichte und dreimal schwere Post). Die Postabteilung von Emmaste benutzte einen Tagesstempel.

4.4. Die Postabteilung von Kõrgessaare

Ähnlich wie mit dem Zeitpunkt der Eröffnung der Postabteilung von Emmaste ist es auch mit dem von Kõrgessaare, E. Selli behauptet auf Grund von Archivunterlagen, daß die Postabteilung von Kõrgessaare 1915 eröffnet wurde. der amtliche Teil des Post-Telegrafen-Journals berichtet in Nr. 40 vom 1.Oktober 1916 von der Eröffnung. Die Zeitung "Postimees" (Nr. 178. 8.August 1916) aber schreibt: "In Kõrgessaare auf Hiiumaa ist eine Postabteilung eröffnet worden, wo sich auch eine Sparkasse befindet. In der Postabteilung werden Inlandstelegramme angenommen." Aus den Untersuchungen von Riimaste erfahren wir, daß am 4.August 1916 Jaan Paas zum Leiter der Postabteilung ernannt wurde. Offensichtlich fand die Eröffnung am 4.August statt.

Sehr bald nach dem Amtsantritt kam Jaan Paas zu der Erkenntnis, daß er in dieser Stellung überfordert war und bat um eine Beamtensstelle. So dauerte seine Vorgesetztenkarriere nur bis zum 26. August. Als Leiter folgten Aleksander Transtok, Sansevic und Madis Muul.

Auf dem Gut von Kõrgessaare befand sich der Stab des 427. Pudozkschen Infanterieregiments. Ein Gebäude des Gutes wurde auch von der Postabteilung benutzt. Da die gesamte Post des Regiments vor der Weiterleitung im Stab gesammelt wurde, gab es reichlich Arbeit. Während der Dienstzeit von Sansevic kam die Stelle eines Postboten hinzu. Der Arbeitsumfang stieg aber stetig und man beantragte wiederholt zusätzliche Kräfte. erst als der Bitte Unterlagen beigefügt wurden, aus denen hervorging, daß die Abteilung täglich 20 bis 30 Pud (1 Pud = 16,38 kg) Post empfängt und 3 bis 4 Pud absendet, sah man die Notwendigkeit ein. So wurde 1917 das Personal noch um zwei Beamte und einen Postboten aufgestockt. Die Postabteilung von Kõrgessaare benutzte zwei Tagesstempel.

4.5. Die Schließung, Evakuierung und Auflösung der Postanstalten von Hiiumaa

Die westlichen Inseln Estlands wurden im September/Oktober 1917 in weniger als zehn Tagen von deutschen Truppen eingenommen. Die Hauptmacht der in Tagalahe auf Saaremaa (Ösel) am 29. September gelandeten Kampfgruppe bildeten die bei Libau abgezogene 42. Infanteriedivision (Kommandeur Gen.-Lt. v. Esdorff) und das 23. Reservekorps (General Kathen). Nachdem die Deutschen am 29.September mit der Bombardierung der Küstenbefestigungen von Sõru begannen, bekamen die Postabteilungen von Hiiumaa vom Garnisonsbefehlshaber Oberst Balago den Befehl zur Evakuierung. Die Abteilungen wurden nicht gänzlich geschlossen, der Austausch von gewöhnlichen Postsendungen und der Markenverkauf gingen weiter. Das Personal mit Familien und dem Eigentum der Dienststelle von Emmaste und Tamarino kamen zuerst nach Käina, von wo aus es mit den dortigen Angestellten zusammen nach Heltermaa weiterging. An Bord des Minenbootes "Ilim" gelangte man nach Haapsalu, wo man sich mit den auf dem Dampfer "Hiiumaa" aus Kõrgessaare und Kärdla gekommenen Leuten traf. Von dort ging die Reise nach Sibirien, denn als Zielord für die evakuierten Postanstalten von Hiiumaa war die Stadt Omsk bestimmt. Nach der Ankunft dort wurden die Abteilungen aufgelöst.

Das zurückgebliebene reduzierte Personal wurde dem Garnisonsbefehlshaber unterstellt, und ohne seine Genehmigung durfte sich niemand entfernen. Zurück blieben in Kärdla die Beamten Juhan Kallas als Leiter und sowie die Postboten Johannes Naur und Tatter; in Kõrgessaare der aus Emmaste kommandierte Beamte Madis Muul; in Käina als Beamtin Marta Sakkeus und der Postbote Villem Tulp; in Tamarino verlieb nur der Hauswart Mihhail Saart. Von den Zurückgebliebenen gelang nur Marta Sakkeus die Abfahrt an Bord von "Wodolej" nach Tallinn. Für alle anderen kam die Schließung der Abteilungen und die Erlaubnis zum Abzug zu spät und sie wurden von den Deutschen überrollt. Vollständig war Hiiumaa von deutschen Truppen am 6. Oktober 1917 besetzt.

4.6. Die deutsche Besetzung

Durch die deutsche Besetzung wurde auf den Inseln auch der Neue (Gregorianische) Kalender eingeführt, der sich vom Alten (Julianischen) im 19.Jh. um 12 und im 20.Jh. um 13 Tage unterschied. Auf Hiiumaa geschah dies am 4.Oktober, das nach dem Neuen Kalender zum 17.Oktober wurde. Estland als ganzes ging auf den Neuen Kalender über am 1.Februar 1918, auf den der 14.Februar folgte. Nachfolgend werden in diesem Beitrag Tagesangaben nur nach dem Gregorianischen Kalender gebracht.

Als Gen.-Lt. Frfr. v. Seckendorff am 23.November den Oberbefehl über das Gebiet der Inseln übernahm, befanden sich auf Hiiumaa folgende Einheiten: Stab 2. Infanterie-Radfahrer-Brigade, 11. Radfahrer-Bataillon, IV. Radfahrer-Bataillon, Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung 61, 3. Eskadron 2. Leibhusaren-Regiment, 2., 7., 8. Batterie Feld-Artillerie-Regiment 8, 3. Kompanie Pionier-Bataillon 27. Der Kommandeur der 2. Infanterie-Radfahrer-Brigade war auch der Kommandant von Hiiumaa. Beim Brigadestab arbeitete auch das Feldpostamt Nr. 298. Vielleicht befand sich auch eines der Feldpostämter Nr. 335 (Dezember 1917 bis Juli 1918) oder Nr. 336 (Dezember 1917 bis Januar 1918) auf Hiiumaa, deren Standorte auf den estnischen Inseln nicht bekannt sind.

Die Feldpost der Einheiten lief über Saaremaa. Das Feldpostamt Nr. 686 in Kuressaare hatte durch Schiffe Postverbindung nach Libau und Windau. Im Februar und März 1918 wurde die Post von Kuressaare aber mit einem Flugzeug weiterbefördert. In geringem Umfang wurde auf diesem Wege auch die Post von Zivilpersonen befördert, vor allem der eingesessenen baltendeutschen Bevölkerung. Am 1.Mai 1918 wurde bei dem obengenannten Feldpostamt auch eine Zivilpostabteilung eröffnet. Die gesamte Post wurde in Riga zensiert. Über Saaremaa lief wohl auch die Post der Tuchfabrik von Kärdla, denn die arbeitende Fabrik wird kaum ohne Post ausgekommen sein.

Am 21. Februar 1918 begannen die deutschen Truppen von Hiiumaa aus ihren Vormarsch in Richtung Haapsalu, sowohl direkt als auch über Vormsi. Dank einem Übereinkommen mit der in Haapsalu stehenden Estnischen Division konnten die Deutschen ihren schnellen Vormarsch auf Tallinn fortsetzen. Zusammen mit den auf das Festland übergesetzten Truppen verließ auch das zur 2.InfanterieRadfahrer-Brigade gehörende Feldpostamt Nr.298 Hiiumaa.

Die Schiffsverbindung zwischen dem Festland und Hiiumaa ruhte bis 5.August 1918, als mit dem Dampfer "Hiiumaa" zwischen Haapsalu und Heltermaa ein regulärer Schiffsverkehr eingerichtet wurde. Fahrplanmäßig verließ das Schiff Heltermaa morgens um 6 Uhr und erreichte Haapsalu um 8.15 Uhr. Die Rückfahrt begann nachmittags um 2 Uhr und um 4.15 Uhr war Ankunft in Heltermaa. Jetzt war es möglich, den Umständen entsprechend Zeitungen und Briefe nach Hiiumaa zu schicken. Aus dem Oktober desselben Jahres befindet sich im Register des Landespostamtes von Haapsalu eine Eintragung über eine Einschreibsendung an das Gut Suuremöisa. Zur Aushändigung mußte sich der Empfänger natürlich nach Haapsalu begeben. Da der Schriftverkehr doch begrenzt war und zudem einer sorgfältigen Zensur unterlag, wird man wohl damals auch eine sogenannte Handpost benutzt haben, indem die Nachrichten mit Hilfe von bekannten oder sonst vertrauenswürdigen Personen überbracht wurden. Natürlich weisen solche Sendungen keinerlei für Philatelisten interessante Merkmale auf. Die deutschen Truppen und Behörden verließen Hiiumaa am 27. November 1918.